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Psychotherapie, Coaching & Psychologische Beratung

Springen

Praxis Schröder-Göritz

„Alles schien klar und scheinbar geregelt
Alle Untiefen soweit ausgepegelt
Nur, das ist nicht dein Leben (…)“

Marcus Wiebusch – „Springen“

 

Einige meiner Klientinnen und Klienten kommen zu mir, weil sie irgendwie unglücklich sind und nicht wissen, was und wie sie etwas ändern sollen. Häufig liegt auch zunächst nicht das eigentliche Problem auf dem Tisch, sondern ein Gefühl: unglücklich, unter Druck, dabei antriebsarm, gereizt, unentschlossen, nicht bei sich selbst, orientierungslos.

Beziehung? Eigentlich ok, wir verstehen uns gut, alles in Ordnung. Job? Nichts wirklich auszusetzen, Gehalt in Ordnung, Arbeitszeiten erträglich. Freunde? Ja.
Mh. Aber nicht glücklich.
Und dann kommt nach einer Weile hervor, dass zum Beispiel die Beziehung ok ist, aber auch nicht mehr. Nicht weniger, aber eben nicht mehr. Man hat sich so eingependelt, „wir sind ja schon so lange zusammen“, ja, manchmal ist der Umgangston etwas ruppig – und Sex haben wir eigentlich auch nicht mehr, obwohl der mir eigentlich schon sehr wichtig ist, aber naja…  Also für Außenstehende wirken wir immer wie ein echt gutes Paar. Er sieht sehr gut aus, sie ist ja schon eine gute Partie – nein, es gibt keinen echten Grund, warum wir uns trennen sollten.“

„Lieben Sie Ihren Partner/Partnerin?“ „Ja, klar. Mh, also ich denke schon. Wobei – kommt darauf an, was Sie unter Liebe verstehen“ Und dann gehen die kognitiven Abwägungen los – Pro und Contra, was spricht für die Beziehung, was gegen sie?

Und wenn die Überlegungen dort landen, dass ja kaum ein handfestes Contra vorhanden ist, die Frage „Sind Sie denn glücklich in Ihrer Beziehung?“ aber trotzdem nicht mit „Ja“ beantwortet werden kann – dann stellen Viele das Thema „Glück“ in Frage: Vielleicht müsse man sich zufriedengeben? Ob „Glück“ nicht etwas hoch gegriffen sei?

„Müssten Sie?“

„Ist es das?“

Manchmal kommen an so einem Punkt im Gespräch Tränen hoch. Denn da ist dieses Gefühl von einer Sehnsucht, die von ihrem Platz weggeschoben und in irgendeine innere Schublade einsortiert wurde. Ordentlich. Mit Beschriftung. Aber die Lade ist zu. Und wenn man dann nur mal die Hand auf diese Schublade legt, dann schmerzt sie. Häufig zucken wir zurück und trauen uns gar nicht, sie zu öffnen. Denn wenn wir das täten, dann könnte das, was da rauskommt, es könnte sich so dringend und zwingend anfühlen, und es könnte so groß werden, dass wir es nicht mehr zurücksortiert bekommen. Dass wir es nicht mehr wegschließen können.

Und dann? Dann müssen wir hinschauen, was da aus der Schublade aus unserem Innersten gekommen ist. Wir müssen es fühlen, und in den meisten Fällen können wir gar nicht mehr anders als dann auch zu handeln. Raus aus der gewohnten, sicheren Komfortzone, ohne zu wissen, wohin es uns führt – und das kann eine Heidenangst machen.

Manchmal wischen wir aber auch die Tränen weg und suchen uns eine größere Schublade, um es wieder wegzusortieren. Gern beschriftet mit „Nun hör endlich auf, gib Dich zufrieden, es ist alles gut, wie es ist!“

Damit behandeln wir uns so, als wäre dies hier eine Generalprobe für das eigentliche Leben – da muss noch nicht alles stimmen. Wir versagen uns selbst Erfüllung und große Träume, große Schritte und Wünsche. „Man kann ja schließlich nicht alles haben“.

„Können Sie nicht?“

„Warum nicht?“

Und vor allem: Wie geht es uns, wenn wir es nicht einmal versuchen? Wo bleiben wir, wenn wir uns nicht dann und wann fragen: Was erfüllt mich, was lässt mein Herz schneller schlagen, was sind meine Ziele, was ist mir wichtig, als was für einen Mensch möchte ich mich sehen, wie möchte ich mich fühlen und was für ein Leben will ich führen?

Ich spreche hier nicht davon, dass beim kleinsten Alltagsroutinegefühl sofort das nächste Highlight angesteuert werden sollte – ich spreche von dem Gefühl, sich mit sich selbst, seinen Bedürfnissen und Wünschen am richtigen Platz im Leben zu fühlen.
Nicht davon, dass die totale Wunscherfüllung wichtig ist, um glücklich zu sein – aber darum, mir selbst in der Art wie ich lebe, nahe sein zu können.

Verlieren wir diesen Kontakt zu uns, greifen wir auf äußere Parameter zurück: erfolgreicher, gutaussehender Partner, tolles Haus, solider Job – die vermeintlich logische Schlussfolgerung: Ich MUSS doch glücklich sein!!
Nein. Muss ich nicht.
Kann ich vielleicht auch gar nicht. Weil das nicht mein Leben ist.
Weil ich vielleicht nicht mir selbst wesensnah leben kann mit einem Partner, der zwar ein netter Mensch ist und man sich auch mag, der aber vielleicht nicht oder nicht mehr etwas in mir berühren, sehen oder verstehen kann – und ich umgekehrt bei ihm oder ihr auch nicht. Dass mir dadurch eine echte, eine tiefe Verbindung fehlt.

Ob unsere Partnerschaft eine freundschaftliche Verbundenheit oder eine leidenschaftliche Liebe sein muss, das ist von Mensch zu Mensch und von Bedürfnis zu Bedürfnis verschieden – wichtig ist, dass ich das, was zu mir passt und was ich brauche, leben kann.

Viele Menschen trauen sich nicht, den großen Schritt zu machen, wenn es keinen handfesten Grund, keinen triftigen Anlass wie körperliche Gewalt, Untreue oder ständige Auseinandersetzungen in einer Beziehung – oder Mobbing, katastrophales Gehalt oder schlimme Chefs gibt. Wenn es keine Gründe gibt, die diesen Schritt nach Außen und vielleicht auch vor uns selbst greifbar rechtfertigen.

Lassen wir das zu, dann bleiben wir wo wir sind. Mit einer Pro-Liste, die lang ist – und einer Contra-Liste, auf der vielleicht nur ein Symbol steht: Das Herz.

Natürlich wissen wir nicht, was kommt, wenn wir uns von Partner oder Beruf trennen, doch Angst ist nach wie vor kein guter Ratgeber. Und wenn wir ehrlich zu uns selbst sind, dann werden wir diese verschlossene Schublade in uns immer wieder schmerzhaft spüren, denn irgendjemand oder irgendetwas wird dann und wann die Hand an den Knauf legen und uns daran erinnern, dass unsere Unzufriedenheit oder unser Gefühl von Unerfülltheit etwas mit dem Inhalt dieser Schublade zu tun haben könnte.

Hilfreich wäre es, den Mut aufzubringen, diese zu öffnen, den Inhalt zu betrachten, ihn wieder in uns zu integrieren und als Teil von uns zu begreifen. Und dann einen wertschätzenden, aber klaren Blick auf unser Leben zu werfen und uns zu fragen, ob das, wie und mit wem wir leben, noch zu dem Menschen passt, der wir nun sind.

Springen

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