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Psychotherapie, Coaching & Psychologische Beratung

Wie wir Wunden heilen lassen

Wunden

Anmerkung: Der folgende Artikel bezieht sich NICHT auf Menschen mit einer psychischen Erkrankung (wie zum Beispiel Depressionen) oder Opfer einer narzisstischen Beziehung.

 

„Er hat Probleme zu vertrauen“, „Sie kann sich auf keine echte Beziehung einlassen“ – und dann kommt häufig ein Grund hinterher wie „Er wurde vor fünf Jahren von seiner damaligen Freundin betrogen, das hat so tiefe Wunden hinterlassen“, „Das war schon hart – ihr Freund vor drei Jahren hat sie fallengelassen – von heute auf morgen“.

Ja, das ist Mist. Eine schmerzhafte Erfahrung, ein Stich ins Herz. Und die Vergangenheit zu bewältigen ist mitunter ein schweres Unterfangen. Betrug, Enttäuschung, Lügen – all das kann einen Menschen schwer treffen. Das tut weh, und der eine braucht länger, der andere kürzer, um damit klarzukommen. Vielleicht kennen Sie von sich oder von anderen folgende mögliche Szenarien:

Erstes: Ich fühle mich verletzt. Ich stolpere, falle, bleibe auch mal einen Augenblick liegen, spüre den Schmerz, akzeptiere, dass er da ist. Und nach einer Weile verbinde ich meine Wunde, stehe irgendwann wieder auf, heile und gehe mit einer (weiteren) Narbe auf dem Herzen weiter.

Zweites Szenario: Ich fühle mich verletzt. Ich stolpere, falle, bleibe liegen und hadere mit meinem Zustand. Ich fühle mich vom Leben betrogen und bestraft. Doch anstatt die Wunde auf meinem Herzen zu verbinden, kratze ich immer wieder den Schorf herunter und fühle nicht nur den Schmerz – ich fange an, gedanklich in diesen Schmerz einzutauchen. Es gesellen sich nach und nach wenig konstruktive Fragen dazu: Wie ich nur so blind sein konnte, wer diese Wunde verantwortet, warum der andere mir das angetan hat – bis hin zu Fragen wie: Warum ich? Warum passiert das (immer) mir?

Darum drehen sich dann die meisten meiner Gedanken. Dass ich nur hier sitze, weil er oder sie mir das angetan hat. Und: Was das nun alles mit mir macht. Mit meinen Werten, meinem Blick auf die Welt und auf meine zukünftigen Beziehungen, wenn ich überhaupt wieder fähig sein werde, mich auf so etwas einzulassen. Und so verbringe ich Tag für Tag damit, Schorf von meinem Herzen abzukratzen und meine Wunde zu betrachten, während die Ränder sich entzünden, alles ganz knubbelig und hart wird. Aber ich kümmere mich kratzend und denkend darum, dass der Schmerz und die Konzentration auf das Mangelerleben bleiben.

Hände, die mir gereicht werden, lehne ich kopfschüttelnd ab – die Wunde ist ja noch offen, darum muss ich mich doch kümmern. Und die Angst, was passieren könnte, wenn ich die Hand ergreife und dann NOCH eine Wunde hinzukommt – die ist zu groß, denn ich denke: es schmerzt zu lang zu sehr.

Entscheiden Sie sich für sich – für das Wunden heilen lassen!

Kennen Sie das? Befinden Sie sich seit Jahren in einem Zustand, der es Ihnen nicht möglich macht, wieder vollkommen zu vertrauen und Ihr Herz zu öffnen, weil ein Erlebnis aus der Vergangenheit Sie fest im Griff hat?

Was können Sie tun? Schauen Sie auf Ihre Haltung. Zum Leben, zu sich, zu dem, was in Ihrer Macht liegt. Nein, es liegt nicht in Ihrer Macht, das Erlebte ungeschehen zu machen, die Wunde unsichtbar werden zu lassen, den Schmerz nicht mehr zu spüren. Doch wie ein Zitat von Viktor E. Frankl sagt: „Die letzte der menschlichen Freiheiten besteht in der Wahl der Einstellung zu den Dingen.“ Das ist Ihre Freiheit, Ihr Spielraum, den Sie in jeder noch so schmerzhaften Situation immer haben. Machen Sie sich das einmal ganz bewusst! (Viktor E. Frankl überlebte in dieser Haltung vier Konzentrationslager, mehr dazu hier)

Treffen Sie eine Entscheidung – entscheiden Sie sich für eine Haltung, die es Ihnen möglich macht, diese Wunde zu verbinden und zu heilen. Ja, lassen Sie den Schmerz zu, fühlen Sie ihn, aber denken Sie ihn nicht. Sie sind kein Opfer, welches es nicht schaffen kann, da wieder raus zu finden! Es geht um das „Ja“ sagen, „Ja, ich schaffe das, ich kann diesen Schmerz überwinden.“

Das bedeutet nicht, dass nichts mehr wehtut, aber das bedeutet, dass Sie den Schmerz akzeptieren – und dann auch gehen lassen können. Dass Sie damit umgehen werden, Sie werden es überstehen – und es wird Ihnen besser gehen, wenn Sie es zulassen. „Wenn das so einfach wäre …“ – niemand sagt, dass das einfach ist. Aber es ist möglich. Und wir können diesen Weg wählen, wir sind unserem Leben nicht ausgeliefert.

Erst die Akzeptanz, dann die Heilung

Akzeptieren Sie, dass solche Dinge wie ein Fremdgehen oder eine Lüge in einer Beziehung leider vorkommen können – und ja, dass Sie es leider erleben mussten. Das ist nichts, was das Leben sich speziell für Sie ausgedacht hat, nichts, was Sie als erster Mensch durchmachen müssen. Das macht es nicht besser, aber die Nicht-Akzeptanz, das Zerdenken, das Hadern, dass ausgerechnet Ihnen das passiert ist – ist ein Verweilen in der Verletzung. Und das macht passiv und mitunter auch verbittert, wenn Sie sich weiterhin mit der Schuldfrage und der Frage „Warum musste mir das passieren?“ beschäftigen.

Sie haben das überlebt, sie werden das überleben. Es schmerzt, es ist nicht schön – und die Welt wirkt wie ein trostloser Ort – vielleicht denken Sie auch, dass Sie nie wieder glücklich sein werden. Und wenn Sie diese Wunde weiterhin aufkratzen um immer wieder den Finger hineinzulegen, steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dass es so kommen wird. Denn damit schlagen Sie dem Glück jede Tür vor der Nase zu.

Geben Sie sich also selber die Chance, neues Glück zu wagen, verbinden Sie Ihr Herz, in jeder Hinsicht. Lassen Sie es zu, dass sich eine Narbe bildet, eine Narbe, die zwar da und spürbar ist, die sich aber einfügt, heller und irgendwann weicher wird.

Die Angst, wieder enttäuscht zu werden, sollte nicht Ihr Ratgeber sein, sondern die Zuversicht, dass Sie selbst das meistern könnten. Sie werden keine Garantie im Leben bekommen, dass Ihnen so etwas nie wieder passieren wird, aber Sie können sich bewusst machen, dass Gefühle sich verändern, wenn wir sie nicht gedanklich fixieren.

Das, was war – das können Sie nicht ändern. Aber Ihre Haltung zu dem Geschehenen bestimmt, wie Ihr Leben in Zukunft aussehen wird.

Foto von Viktorya Sergeeva von Pexels

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