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Wie wir mit Angst, Distanz und Stress umgehen können – 3 Tipps für die Corona-Zeit (Teil 2)

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Mit Vollgas durch die Entschleunigung?

Corona-Zeit bedeutet für einige: Endlich kann ich mal den Keller aufräumen, nun lese ich alle die Bücher zu Ende – hach, mit dem Malen wollte ich schon so lange beginnen, oh, das Fitnessprogramm ziehe ich jetzt durch, und da liegt noch der Stapel nicht erledigter Dinge, die ich JETZT endlich schaffe!! Puh.

Wenn wir wieder beisammen sitzen – und ich habe keine Fremdsprache gelernt, meine Wohnung läuft nach wie vor unter der Kategorie „Kreatives Chaos“ oder mein Garten gleicht noch immer einem botanischen Experiment – und ich habe die Fitness-DVD NICHT durchgezogen und kann immer noch keine 5 Kilometer am Stück joggen – was dann? Habe ich dann versagt? Habe ich diese Phase nutzlos verstreichen lassen – habe ich dann „nichts aus der Zeit gemacht“?

Steigen wir auf diesen Zug mit auf, haben wir nach anfänglicher Begeisterung über den Ausstieg aus dem Hamsterrad nicht wirklich etwas für uns begriffen: Nicht das Tempo macht zwingend den Stress, nicht die Fülle der Dinge, die ich tue oder lerne – sondern auch der ständige Abgleich mit den anderen.

Wenn jemand nun endlich die Zeit findet, die Sachen zu tun, für die er sonst nicht die Zeit hatte – wunderbar. Die einen lieben es, ständig Neues zu lernen und sich immer zu bewegen – andere lieben etwas mehr Müßiggang, beides ist wunderbar – wenn es mir wirklich entspricht. Und genau an diesem Punkt haben viele von uns den Kontakt zu sich selbst verloren – und können folgende Frage gar nicht mehr so recht beantworten: Ist es mein ganz eigener Wunsch und Antrieb, etwas zu tun oder zu sein, oder treibt mich der Vergleich mit anderen, das schlechte Gewissen in Bildern – zum Beispiel Instagram – dazu an?

Eine Bilderwelt, in der gefühlt alle als Sportskanonen den Corona-Tag beginnen, mit dem ballaststoffeiweißgesund-Müsli, in der alle täglich neue Business-Strategien entwickeln, Mütter zu Bastelköniginnen werden und jeder irgendwas tolles zur Selbsterkenntnis anschaulich präsentiert, farblich abgestimmt aufs Wohnzimmer natürlich – das kann der pure Stress sein.

Starre ich weiterhin auf diese bunten Bilder und verschwimmt das, was mir ganz persönlich wirklich wichtig ist darüber hinaus immer mehr, dann laufe ich Gefahr, gerade genauso weiter zu machen wie vorher, nur in den eigenen vier Wänden.

Struktur ist natürlich ein ganz anderes Thema, es geht nicht darum, nichts zu tun. Eine Struktur ist für viele Menschen gerade jetzt, in Zeiten von Corona, existentiell wichtig – einige kleine Anker am Tag, die sich wiederholen, die mich aufstehen und ins Tun kommen lassen, die mir einen Rahmen geben.

Es geht also nicht um keine Struktur, nein, es geht darum, sich nicht den Druck zu machen, aus jeder freien Stunde etwas herausholen zu müssen. Wir dürfen auch nichts Neues schaffen oder erschaffen, auch wenn dafür jetzt die Zeit da wäre. Und nein, wir stellen uns nicht an, wenn wir das Gefühl haben, der neue Alltag und die mentale Belastung können völlig ausreichen, um abends erschöpft zu sein.

Natürlich gibt es immer Menschen, die noch belasteter sind, die Familie oder Freunde in Krankenhäusern haben, die selber chronisch krank sind – es muss trotzdem erlaubt sein, auch ohne all das mal sagen zu dürfen „Mich belastet das alles, ich kann nicht mehr, ich bin erschöpft“ – ohne sofort hinterherschieben zu müssen „Aber ich weiß, ich kann ja eigentlich dankbar sein.“ Es gibt immer Luft nach oben oder nach unten – doch auch hier ist das Vergleichen wieder einmal Gift fürs Gemüt – denn die eigenen Gefühle ernst zu nehmen, das dürfen wir uns zugestehen.

Nutzen wir doch die Corona-Zeit, um wirklich mal durchzuatmen. Nicht angeleitet, nicht zu einem verabredeten Zeitpunkt. Einfach mal atmen. Gucken. Überlegen. Was von all den Dingen möchte wirklich ICH tun? Möchte ich das alles machen, was ich auf der Agenda habe? Bin ich das überhaupt – Hantelbank, Yoga, skandinavisches Design, kochen mit den Kids?

Eine Inventur der Interessen wäre ein guter Schritt, mal zu prüfen, ob wir nicht ein bisschen was davon wegsortieren können, was unser vermeintliches Selbstbild ausmacht – einen Schritt raus aus der Optimierungsschleife. Na klar, wir können viel schaffen in diesen Wochen. Aber geht es darum, jetzt, in dieser Corona-Zeit, viel zu erledigen, zu produzieren und Ergebnisse zu erlangen? Und überhaupt: Müssen wir alles tun, was wir können?

 

Nähe tut gerade in Corona-Zeiten gut

Freundschaften zu pflegen, das war auch vor Corona schon eine gute Idee. Aufgrund der Ausgangsbeschränkungen ist dies nun nicht mehr möglich? Es ist alles anders, aber es ist möglich. Greifen Sie in Zeiten von WhatsApp doch mal wieder zum Telefonhörer und rufen Sie Menschen an, mit denen Sie sich gern austauschen. Eine menschliche Stimme tut gut, das ist auch wissenschaftlich nachgewiesen. Schreiben Sie doch mal wieder einen Brief und freuen Sie sich, Post zu bekommen. Nehmen Sie Videobotschaften auf, starten Sie mit mehreren Freunden Zoom-Meetings.

Sozialkontakte sind wichtig für unsere Psyche und unser Immunsystem – die amerikanische Psychologie-Professorin Julianne Holm-Lunstadt forscht seit Jahren in dem Bereich und legte bereits 2017 in zwei Metastudien Ergebnisse vor, die aufzeigen, dass sich soziale Isolation und Einsamkeit negativ auf unsere Gesundheit auswirken, hier nachzulesen. Laut eines Artikels auf medicalexpress.com befürchtet Sie, dass die Folgen der sozialen Isolation nachhaltige negative mentale Folgen haben könnte und Sie hofft, dass andererseits das Bewusstsein dafür steigen wird, wie wichtig es ist, sozial verbunden zu sein mit anderen. Den Artikel finden Sie hier: medicalxpress.

Treten Sie in Kontakt, tauschen Sie sich aus! Auch über Sorgen und Ängste – bleiben Sie damit nicht allein. Wer in einem Haushalt mit mehreren Personen lebt, der muss nicht zwingend dort jemanden finden, der ähnliche Sorgen bezüglich der Corona-Thematik hat. Vielleicht haben die Familienmitglieder andere Ängste oder weniger davon, vielleicht fehlt es in der eigenen Familie allgemein an so etwas wie Verständnis? Und wer allein lebt, kann in diesem Punkt vor einer noch größeren Herausforderung stehen. Denn gerade das kann entlastend wirken: Mit jemandem zu sprechen, den ähnliche Gedanken umtreiben, der nachfühlen kann, wie es uns geht und der echtes Verständnis und Empathie empfindet.

Zu Teil 1 geht es hier entlang!

 

Wie wir mit Angst, Distanz und Stress umgehen können – 3 Tipps für die Corona-Zeit (Teil 2)

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